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KUNSTWERK DES MONATS MAI 2012

Lebensgrundlage und Umweltverschmutzung

Der Holzstich „Das Moorbrennen in Ostfriesland“ des Oldenburger Theatermalers Theodor Presuhn wurde am 11. Mai 1878 in der Illustrirten Zeitung Nr. 1819 in Berlin veröffentlicht. Zu sehen sind Frauen und Männer, die mit dem damals in den Moorgebieten Nordwestdeutschlands üblichen allfrühjährlichen Brennen beschäftigt sind.

Theodor Presuhn der Ältere (22. Oktober 1810 Oldenburg – 14. März 1877 Oldenburg)
„Das Moorbrennen in Ostfriesland“
10.5.1878
Holzstich
H: 29,2 cm; B: 42,3 cm
Inv.Nr.: GS Kunst 1272

Was hier als eine romantisierte Darstellung des Moorkolonisten-Alltags dargestellt wird, hatte einen vielschichtigen Hintergrund.
Lange Zeit waren Moore lebensfeindliche Regionen und spärlich bewohnt. 1707 zog der Prediger Anton Bolenins aus den Niederlanden nach Ostfriesland und teilte sein Wissen über die damals innovative Technik des Moorbrennens mit den ärmlich lebenden Moorkolonisten.
Im Mai, nach Ende der Nachtfrostzeit, wurde mit dem Brennen der Flächen begonnen. Die noch im Herbst aufgehäuften Torfstücke wurden an trockenen Stellen entzündet. Sobald das Feuer durchgezogen war, wurde die Glut auf das Land verteilt. Die Aufsicht über das Moorbrennen hatte der „Moorker“. Er achtete darauf, dass das Moor in einem langsamen Schwelbrand urbar gemacht wurde. Es konnte bis zu 36 Stunden dauern, ehe ein Stück Moorfläche vollständig abgebrannt war.
Durch das Moorbrennen wurden die Böden mit den nötigen Mineralstoffen versorgt, um den genügsamen Buchweizen anzubauen. So konnte erstmals Landwirtschaft mit ausreichendem Ertrag im Moor betrieben werden. Der Emder Heimatforscher Hermann Meier (1828 – 1877) beschrieb die Entwicklung in seiner Arbeit „Die Moore Ostfrieslands“ von 1864 folgendermaßen:
„Dadurch wurde in diesen Gegenden eine förmliche Umwälzung herbeigeführt. Starre, düstre Haide verwandelte sich in blühende Buchweizenäcker, an denen sich der Blick des Wanderers ergötzte, und deren Ertrag die Mühe des Kolonisten reichlich belohnte; einzelne Häuser und ganze Kolonien belebten bald die menschenleere Oede, die früher von einem einzelnen Schäfer mit seiner Herde oder von den Torfgräbern unterbrochen wurde.“
Das Torfbrennen hatte aber auch seine Schattenseiten. Dass sich fürstliche Jagdbeamte über die einsetzende Wildflucht aus den Mooren wegen der Beschädigungen der Wildbahnen beschwerten, war dabei noch das geringste Übel.
Anhand eines Beispiels von 1857, also vor genau 155 Jahren, wird das Problem deutlich: Am 6. Mai wurden bei starkem nordöstlichen Wind die Moore in Ostfriesland angesteckt. Es bildete sich dabei ein Trockennebel, der als Wolke in die Atmosphäre aufstieg. Schon am folgenden Tag erreichte der Dunst die Niederlande, wo er über mehrere Tage zwischen den Städten Utrecht, Leeuwarden und Nimwegen wanderte. Von dort zog die Wolke über Hannover, Münster, Köln, Bonn und Frankfurt bis nach Wien.
Diese Smogwolke, wie man heute wahrscheinlich sagen würde, wurde damals Herauch oder Höhenrauch genannt. Wo er auftauchte, verlor der Himmel seine Farbe und der Horizont erschien im rötlichen Schimmer stark getrübt. Es wurde berichtet, dass der Herauch oft so dicht war, dass Kirchtürme schon aus wenigen 100 Metern Entfernung undeutlich zu sehen waren. Hinweise auf Gesundheitsbeeinträchtigungen sind nicht überliefert, es ist jedoch anzunehmen, dass der Rauch zu einer Belastung für die Menschen werden konnte.
Der offensichtliche Zusammenhang von Moorbrennen und Herauch wurde erst relativ spät anerkannt. Der Herauch wurde anfangs mit weit entfernten Vulkanausbrüchen oder anderen Naturereignissen erklärt. Das Moorbrennen, als eigentliche Quelle des Herauchs, war eine unbequeme Wahrheit, die wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Eine mögliche Forderung das Brennen zu untersagen, hätte existenzielle Folgen für die Moorkolonisten gehabt. Daher blieb das Moorbrennen in Deutschland noch bis 1923 erlaubt.
Vor über 100 Jahren hat die Abwägung zwischen wirtschaftlichem Nutzen als Lebensgrundlage für den Einzelnen und dem Umweltschutz zum Wohle der Allgemeinheit die Menschen beschäftigt. Auch heute noch findet sich dieser Konflikt in vielen aktuellen Fragen wieder.

Christian Röben M. A.